Trotz der vielen Unannehmlichkeiten des Vortages konnte ich relativ gut schlafen. Die erste Arbeit des Tages war das Ausräumen meines kaputten Koffers. Meine ganzen Habseeligkeiten musste ich im Kasten verstauen und laut Anruf der Fluggesellschaft den Koffer an der Rezeption zur Abholung und eventuellen Reparatur bereitstellen. Der freundliche Herr an der Frontdesk übernahm meinen Koffer mit einem Lächeln. Da dieser Tag in Rio Feiertag war (für irgendeinen Lokalpatrioten), glaubte er nicht, dass sich jemand um den Koffer kümmern würde – aber man sollte die Hoffnung nie aufgeben.
Um meinen aufgestauten Unmut über das schäbige Hotel loszuwerden, setzte ich mich schon vor dem Frühstück ans Internet (in diesem Hotel leider nicht gratis, sondern teuer zu löhnen) und schrieb einen Beschwerdebrief an Marco Polo. Danach ging es mir viel besser. Beim Frühstück gab es im kleinen Restaurant ein dichtes Gedränge. Zwischen vielen Jugendlichen, die auf Schulwoche in ihrer Hauptstadt Rio waren, war es etwas schwierig zum Frühstücksbuffet zu gelangen.
Vor dem Hotel wartete ein großer Bus auf uns. Unsere Reiseleiterin, eine gebürtige Schweizerin, stand auch schon da. Sie war etwas nervös. Da es Wochenende war, galt auf der mehrspurigen Hauptstraße entlang des Strandes eine Einbahnregelung und so konnten wir vom Hotel aus nur über Umwege in die Innenstadt gelangen. Erstes Ziel war das oberhalb des Hafens gelegene Kloster Sao Bento. Die von den Benediktinern geführte Knabenschule gilt als eine der besten der Stadt. Das interessanteste und schönste Gebäude der Anlage ist sicherlich die Kirche. Sie ist reichlich mit Schnitzereien ausgestattet und beim Eintreten durch das doppelte Kirchentor wird man vom Glanz des vielen Goldes geblendet.

Kirche des Klosters Sao Bento, Rio
Draußen wurden wir dann vom Glitzern des Meeres geblendet. Vom Parkdeck des Klosters konnten wir auch schon einen ersten Blick auf die Brücke zum Vorort Niteroi werfen, den wir am nächsten Tag besuchen würden. Neben der schönen Kirche Nostra Maria Candelaria liegt die kleine, aber feine Altstadt von Rio. Hier kann man überall auf den Spuren der Kolonialmächte wandern. Dieser Teil der Stadt wurde mit großem finanziellen Aufwand saniert. Liebevoll wurden die alten Häuser mit stilvollem modernen Innenleben ausgestattet, wie überhaupt es durch die ganze Stadt auffällt, dass moderne Glasfronten die alten Barockbauten widerspiegeln.

Moderner Glasbau mit Gouverneurspalast
Am historischen Platz des 15. Novembers erzählte uns Hannelore etwas über die Geschichte der Stadt, die am Fluss Januar liegt. Gaspar de Lemos entdeckte am 1. Januar 1502 die in der Guanabara Bucht gelegene Stadt und nannte sie deshalb Rio de Janeiro. Rio war bis 1960 die Hauptstadt von Brasilien, bevor die Regierung des Landes in die neue Hauptstadt Brasilia übersiedelte. Die Bewohner der mehr als 6 Millionen Einwohner zählenden Stadt nennt man Cariocas. Sie sind zum Großteil freundlich und friedlich und zur Zeit des Karnevals total durchgeknallt. Deshalb stört es ihre Bewohner wohl auch nicht sehr, dass die Stadtautobahn zum Teil mitten durch ihre Wohnzimmer geht. Eine Seite des Platzes wird von der alten Kathedrale gesäumt. Die mit bunten Kacheln verkleideten Kuppeln stellen einen großen Kontrast dar zum später besichtigten neuen Dom. Das alte Parlamentsgebäude beherbergt heute die Landesregierung.

Teile des Alten Doms von Rio
Leider hatten wir keine Zeit in der berühmten Konditorei Colombo etwas von den vielen Süßigkeiten zu genießen, die sehr einladend aus den Auslagen ragten und schrieen: „Nimm mich“. Man hätte meinen können in ein Altwiener Cafe eingetreten zu sein. In den elf Straßenzügen daneben, auf dem Saara Markt, glaubte man eher, dass man sich in China befände. So strahlen die verschiedenen Stadtteile die Atmosphäre der hier gelandeten Einwanderer aus. Einzig das Gefühl des bevorstehenden Weihnachtsfestes wollte trotz der schönen Dekoration nicht aufkommen – kein Wunder bei über 35 Grad!
Nicht nur wir, sondern besonders unsere Reiseleiterin waren schockiert über den Zustand der Stadt. Überall lag Müll und Alkoholleichen lagerten vor verwaisten Kirchenportalen. Sie entschuldigte sich damit, dass am gestrigen Feiertag wohl etwas über die Stränge gehauen wurde. Sonst wurde noch in der Nacht oder früh am drauffolgenden Tag der Müll beseitigt. Da es jedoch Wochenende war, hatten auch die Straßenkehrer frei. Trotzdem waren wir eher enttäuscht von Rio’s Innenstadt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir es im übrigen Südamerika überraschend sauber fanden.

Rio Stadt der Kontraste
Einer der Höhepunkte unserer Stadtbesichtigung war allerdings der moderne und sehr geschmackvoll ausgestattete Dom von Rio. Der Betonbau in der Form eines Vulkans hat ein Fassungsvermögen von 20.000 Gläubigen. Durch die 96 m Diagonale und 75 m Höhe erscheint der Innenraum der nachgebauten Mayapyramide oder der stilisierten Bischofsmütze riesengroß. Vier bunte Glasfenster kriechen vom Boden aus zur Spitze empor um dort ein Kreuz zu bilden, unten dem sich der schlichte Altar befindet. Die Cathedral Metropolitana de Sao Sebastiao ist auch Verehrungsstätte der Schwarzen Madonna von Brasilien. Zwischen dem Dom und seinem freistehenden Glockenturm kann man einen Blick auf die große Christusstatue am Corcovado erhaschen.

Cathedral Metroplitana des Sao Sebastiao, Dom zu Rio
Das frisch renovierte und mit Gold verzierte Theatro Minicipal (übrigens eine Kopie der Pariser Oper) wird von modernen Stahlbetonwolkenkratzern umgeben. Auf der anderen Seite des Platzes ist die Nationalbibliothek auch in einem altehrwürdigen Gebäude untergebracht – wie eben schon gesagt, Rio, die Stadt der Kontraste. Rio ist nicht nur Großstadt, sondern auch ein kleines Badeparadies. Der Busfahrer entschloss sich für den Rückweg ins Hotel die Straße entlang der Küste zu nehmen, wo sich Strand an Strand reiht. Der weiße Sandstrand des Yachthafens wird allerdings nicht zum Baden benutzt. Hier ist das Wasser zu verseucht. Dafür hat man aber von hier aus einen herrlichen Blick auf den Zuckerhut. Nach einer kurzen Rast würde dieser Berg auch unser Ziel sein.

Zuckerhut vom Corcovado aus
In einem kleinen Imbiss gegenüber dem Hotel aßen wir eine Kleinigkeit. Vor allem war der Durst groß und konnte hier gelöscht werden. Wir hatten gerade noch ein paar Minuten Zeit, um an der Rezeption nachzufragen, ob mein Koffer abgeholt worden war und im Zimmer etwas die Füße hochzulegen. Von unserem Zimmer aus konnten wir auf die Spitze des Zuckerhutes sehen. Hinter ihm zog verdächtig der Nebel auf. Rio ist ebenso wie Kapstadt berüchtigt für den Küstennebel, der sich über Tafelberg oder Zuckerhut wie eine Tischdecke legen kann. Meine Vorahnung sollte sich leider bewahrheiten.
Der Pao de Acucar ist ein steil aufragender Granitgipfel auf der Halbinsel Urca gelegen. Die Gesteine des Zuckerhutes weisen eine Verwandtschaft zu den Gesteinsformationen auf der zwar weit entfernten, doch gegenüberliegenden afrikanischen Küste auf, was als Beweis für das Auseinanderdriften der Kontinente gilt. Um den Gipfel des 395 m hohen Zuckerhutes, übrigens benannt nach dem leckeren Zuckerkegel der Feuerzangenbowle, zu erreichen, muss man den O Bondinho, eine Schweizer Seilbahn, besteigen oder den Klettersteig benutzen.

Bondinho, Seilbahn auf den Zuckerhut mit Klettergruppe
In zwei Etappen gelangt man auf den Gipfel. Bei Schönwetter bestiegen wir die verglaste Kabine. Nur kurz hatten wir einen herrlichen Blick auf die wunderschönen Strände. Kurz vor der Station auf dem Morro da Urca fiel der Nebel ein. Als wir ausstiegen, wurde es für kurze Zeit klar. Der Blick auf den Corcovado und die umliegenden Strände war atemberaubend – und leider nur von kurzer Dauer. Doch hatten wir einen Eindruck davon erhalten, wie schön die Stadt gelegen ist. Wir hofften, dass wir auf der Bergstation Zuckerhut vielleicht mehr Glück haben würden.

Corcovado vom Zuckerhut aus
Doch leider zog der Nebel bis wir zur Spitze gelangten, seinen dichtesten Vorhang zu. Nur ganz kurze Blicke auf die unter und über uns liegende Welt wurden uns gewährt. Alle standen mit ihren Kameras gerüstet und wenn jemand schrie „Loch kommt“, dann waren alle schussbereit. Doch sah man während des Abdrückens, wie die nächste Nebelschwade vorbeizog. Die hier lebenden Affen hielten uns Touristen bei Laune, bis wir wieder die Gondel zur Talfahrt bestiegen.
Für den Nebel am Berg wurden wir durch herrlichen Sonnenschein am Strand entschädigt. Dort konnten wir in aller Ruhe unseren Apero genießen. Die meisten begnügten sich mit der Milch aus der Cocosnuß. Wir entschieden uns allerdings für einen Caipirinha. Für Interessierte hier das Rezept der Mixtur: 5 cl Cachaca, 0-2 cl Lime Juice, 2 Löffel braunen Rohzucker und 1 Limette.
Hier schein ein guter Wind zu herrschen, denn es gab viele verschiedene Fluggeräte, die über unseren Köpfen kreisten. Ebenso bunt wie ihre Schirme waren die Hütten in den Favelas, an denen wir auf der Rückreise ins Hotel vorbeifuhren. Die steilen Abhänge Rio’s werden von den Armen mit Hütten bestückt. Oft gibt es keinen Zuweg und meist auch keine Wasserleitung, geschweige denn ein Kanalisationssystem. Eine Woche nachdem wir wieder in „Good Old Europe“ waren, hörten wir von den schweren, tagelangen Regenfällen in Rio. Diese verursachten nicht nur Überschwemmungen, sondern vor allem Hangrutsche und ein Teil dieser Häuser, die am Hang gebaut worden waren, fand man in der Stadt wieder. Immer wieder trifft es die Ärmsten der Armen.

Bunte Favela
Endlich fuhren wir entlang der Copacabana, einen der wohl berühmtesten Strandabschnitte von Rio. Die Hauptstraße entlang der Küste war noch immer Einbahnstraße und auf der Gegenfahrbahn tummelten sich Radfahrer, Skater und Spaziergänger – eben wie bei uns, wenn der Wörther- oder Ossiachersee ein Mal jährlich ihren autofreien Sonntag haben. Dicht gedrängt lagen die Cariocas am Strand oder vergnügten sich mit Spielen der verschiedensten Art. Natürlich gibt es hier entlang der Promenade auch genügend Buden, wo man etwas zu essen oder trinken bekommen kann.

Rio Copacabana
Peter träumte von einem Fischdinner mit Aussicht auf das Meer. Wir versuchten ein Restaurant zu finden, dass unseren Ansprüchen genügte. Rio ist eben auch eine Millionenstadt und die hat ihren Preis in der ersten Reihe fußfrei. Unsere Reiseleiterin hatte uns schon empfohlen, einen Buffetbetrieb zu suchen. Meist konnte man hier für einen bestimmten, recht günstigen Fixpreis so viel man wollte essen. Einen solchen Laden hatten wir in einer Seitenstraße entdeckt und wir beschlossen, von Buffet zu probieren. Alles hatte herrlich gemundet und da wir auch richtig hungrig waren, konnten wir unsere Bäuche vollschlagen.